In guten wie in schweren Zügen 

Es gibt Atem Momente, die berühren uns tief, denn sie sind kraftvoll, belebend, erfüllend. Wenn wir beim Spazierengehen klare kühle Luft spüren, die bei jedem Atemzug Energie schenkt. Wenn wir beim Tanzen, beim Lachen oder beim Sex außer Atem geraten, nicht vor Erschöpfung, sondern vor Freude, Nähe, Lebendigkeit. Wenn der Atem uns im Yoga trägt oder wir beim Sprechen die ganze Fülle der Stimme spüren. Dann ist Atmen mehr als ein Reflex, dann es ist ein Gefühl, ein Fließen, eine Verbindung zu uns.

Und dann gibt es diese anderen Momente. Sie kommen meist peu à peu, aber sie bleiben meist für lange. Wenn Stress uns flach atmen lässt, wenn Angst uns stocken lässt, wenn wir nachts mit Enge aufwachen oder plötzlich merken: Ich bekomme keine Luft. Der Atem zeigt uns beides: unsere Kraft und unsere Verletzlichkeit also ein Alarmsignal.

Viele Klienten und Teilnehmer die ich begleite, denken erst an ihren Atem, wenn er auffällig wird. Und viele Symptome, die sie nicht direkt zuordnen können, hängen tatsächlich mit der Atmung zusammen u.a. ständiges Gähnen oder Seufzen, Kurzatmigkeit ohne erkennbare Ursache, Engegefühl im Brustkorb oder Hals, eine unerklärliche Müdigkeit trotz Schlaf oder ein unruhiger, nervöser Körper. Auch Schwindel, Druck im Kopf, Anspannung im Kiefer, kalte Hände oder Probleme mit der Verdauung. All das kann mit einer dauerhaft gestörten Atmung zusammenhängen. Der Atem ist keine Nebensache. Er ist eine zentrale Brücke zwischen Körper, Geist und Nervensystem. Und du kannst lernen, ihn bewusst zu nutzen.

Damit Atmung frei fließen und für optimale Sauerstoffversorgung über das Blut sorgen kann, braucht sie vor allem eines: Raum. Doch viele Menschen sitzen im Alltag zusammengesunken, mit eingefallener Brust, angespanntem Bauch und hochgezogenen Schultern. Der Kopf schiebt sich nach vorn, die Atmung passiert durch den Mund und der Nacken verspannt sich. In dieser Haltung hat der Atem kaum eine Chance. Das Zwerchfell kann sich nicht richtig absenken, die Lunge bleibt flach. Deshalb ist die Haltung des Körpers für unsere Atmung entscheidend. Sie sollte aufgerichtet, aber nicht steif sein. Das Becken darf leicht nach vorn kippen, die Schultern weich sinken, der Brustkorb sich nach vorne weiten. Wenn der Körper Raum gibt, kommt der Atem von allein.

Atmen ist auch Bewegung und diese braucht Muskelkraft oder besser: Muskelkoordination. Die wichtigste Rolle spielt dabei das Zwerchfell, unser Hauptatemmuskel. Es liegt unterhalb der Lunge und bewegt sich bei jedem Einatmen wie ein Kolben nach unten. So entsteht Raum im Brustkorb und Luft kann einströmen. Bei flacher Atmung bleibt das Zwerchfell weitgehend unbewegt und unsere Energie bleibt auf der Strecke. Zwischen unseren Rippen liegt die sogenannte Zwischenrippenmuskulatur. Sie unterstützt das Heben und Senken des Brustkorbs. Wenn wir viel sitzen und wenig rotieren, verlieren diese Muskeln an Beweglichkeit. Auch die Bauchmuskulatur und der Beckenboden spielen dabei eine große Rolle. All diese Muskeln kannst du aktivieren, spüren und stärken, nicht mit Druck, sondern mit bewusster, achtsamer Praxis.

Wenn du deinen Atem wieder als Unterstützung erleben möchtest, helfen dir drei einfache Atemqualitäten, die du üben und verinnerlichen kannst.

Leichtes Atmen bedeutet, ohne Anstrengung zu atmen. Der Atem ist kaum hörbar, er fließt weich und mühelos. Diese Qualität signalisiert deinem Nervensystem: Alles ist in Ordnung. Sie reduziert Spannung, spart Energie und bringt dich in einen Zustand innerer Ruhe.

Langsames Atmen schenkt dir Zeit beim Ein (Atemfülle), wie beim Ausatmen (Atemleere). Vielleicht atmest du vier Sekunden ein und sechs bis acht Sekunden aus. Das wirkt beruhigend auf dein vegetatives Nervensystem, senkt Puls und Blutdruck, bringt dich aus dem Stress-Modus zurück in dein Gleichgewicht.

Tiefes Atmen schließlich ist der Schlüssel zu mehr Kraft und Präsenz. Du atmest bis in den Bauchraum, das Zwerchfell arbeitet aktiv, der Bauch hebt und senkt sich sichtbar. So versorgst du deinen Körper mit Sauerstoff, löst Spannungen in der Körpermitte und findest zurück in ein Gefühl von Erdung und Stabilität. Im folgenden Link findest du Übungen zu allen der Varianten dazu.

All das lässt sich also üben. Nicht im Sinne, dass du etwas leisten musst, sondern so, dass du dich erinnerst. An das, was ohnehin in dir angelegt ist. Dein Atem war schon immer da. Du darfst ihn wieder spüren, ihm Raum geben, ihn nutzen lernen. Wie Autofahren, das irgendwann in Fleisch und Blut übergeht. Und dann geschieht etwas ganz Einfaches und Großes, denn aus bewusster Übung wird Vertrauen und aus Anstrengung wird Flow.

Wenn du eine Begleitung dazu nutzen möchtest, unterstütze ich dich gerne,